Selbstverständnis Aktionsbündnis Kesselbambule

Das Aktionsbündnis Kesselbambule ist ein Zusammenschluss von Klimaaktivist*innen aus verschiedenen Organisationen, Gruppen und Zusammenhängen. Es hat sich in der Vorbereitung zum Global Strike am 20.09.2019 gegründet.

How dare you?

Steigende Meeresspiegel, die weite Landesteile überschwemmen und Menschen aus ihrem Zuhause vertreiben. Trockene Böden, die sich nicht mehr bewirtschaften lassen. Brandrodungen in den so überlebenswichtigen Urwäldern dieser Welt. Schwimmende Ölteppiche im Golf von Mexiko und verendende Tiere mit Öl verklebt. Das massenhafte Sterben von Tierarten. Verheerende und nicht mehr endende Brände. Die Vertreibung und Entrechtung von indigenen Menschen.

Es ist nicht so, dass wir Zeit hätten. Wir befinden uns in einer Situation, in der die Klimakrise in wenigen Jahren unaufhaltbar sein wird - wenn überhaupt. Seit Jahrzehnten warnen Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen vor den Folgen der menschengemachten Klimakrise und der Zerstörung der Umwelt. Und trotzdem ist nichts geschehen. Weder die Politik noch die Gesellschaften in den industrialisierten Ländern waren bereit die verheerenden Auswirkungen und Konsequenzen ihres Handelns zu tragen und die unmittelbar notwendigen Maßnahmen dagegen zu ergreifen. Das ist kein Zufall, sondern liegt ganz konkret in der Logik der kapitalistischen Produktionsweise begründet. Die Bedürfnisse der Natur und der Menschen überall auf der Welt sind für diese bedeutungslos. Vielmehr wird deren Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung möglichst effizient organisiert - ohne jede Rücksicht.

Die Profiteur*innen des Kapitalismus und ihre Statthalter*innen haben kein Interesse daran dies zu ändern und den Weg zu einer gerechten, solidarischen und nachhaltigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung einzuschlagen. Auch schafft es die vermeintlich wohlmeinende und “grüne” Politik ja nicht einmal sich an die selbst beschlossenen Abkommen zu halten.

Von Bambuszahnbürste und BIO-Siegel

Viele Menschen haben die Dringlichkeit eines grundlegenden Wandels erkannt. So versuchen sie ihr Konsumverhalten zu verändern. Für uns ist es jedoch wichtig zu betonen, dass individuelle Kaufentscheidungen oder Lebensstile nicht die Zerstörung unserer Zukunft aufhalten werden. Vielmehr wirft dies auch die Frage auf, wer sich ein “korrektes” Leben im grünen Kapitalismus leisten kann oder auf wen die Kosten der ökologischen Transformation abgewälzt werden.

Genauer gesagt: Auch wenn wir ab sofort nichts mehr kaufen und nichts mehr wegwerfen, tragen wir ungewollt durch unsere Lohnarbeit und unser Leben im Kapitalismus zu dieser Zerstörung bei. Viel wichtiger ist es daher, ein Verständnis für strukturelle Zusammenhänge und deren Auswirkung auf unsere individuellen „Entscheidungen“ zu schaffen.

Greenwashing, vermeintlich nachhaltige Produktion und nichtssagende Öko-Label heben den Kapitalismus nicht aus den Angeln, sondern sichern den Profit und beinhalten keine wirkliche Veränderung. Auch ein so genannter “grüner” Kapitalismus basiert immer noch auf der Ausbeutung von Natur und Menschen und kümmert sich nicht plötzlich um Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit.

Für ein Klima der Gerechtigkeit

Die Folgen der Klimakatastrophe treffen schon heute vor allem die Ärmsten der Armen. Die Ausbeutung des globalen Südens steht in einer Tradition des Kolonialismus und Imperialismus und dessen rassistischer Rechtfertigung. Obwohl der globale Süden am wenigsten zur Klimakrise beigetragen hat, ist er zum einen von den Folgen am meisten betroffen und verfügt gleichzeitig über die geringsten ökonomischen und technischen Ressourcen diesen entgegenzuwirken. Wir sitzen eben nicht alle im selben Boot: Während die einen höhere Dämme bauen können, verlieren die anderen ihr Zuhause.

Die Gesellschaft ist nicht frei von Rassismus und Sexismus und so überlagern sich bei den Folgen der Klimakrise verschiedene Ebenen der Betroffenheit. Frauen* verfügen weltweit über weniger ökonomische Mittel und Zugänge zur Gesundheitsversorgung, sind deshalb zum Beispiel bei Dürreperioden oder Überschwemmungen stärker betroffen. Auch tragen sie in Katastrophensituationen nicht nur die Verantwortung für sich selbst, sondern in der Regel auch für ihre Kinder und älteren Angehörigen.

Selbst im globalen Norden wird die Klimakatastrophe spürbarer. Sich überschlagende Hitzerekorde, steigende Ernteausfälle und massive Waldbrände zeichnen schon heute das Bild unserer Zukunft. Auch hier sind die Betroffenheiten und die Möglichkeiten sich vor Auswirkungen der Klimakrise zu schützen ungleich. Während die einen eine Villa in Hanglage geerbt haben, wohnen die anderen an stark befahrenden Straßen und sterben an Atemwegserkrankungen.

Die soziale Frage und der Kampf um Klimagerechtigkeit sind für uns untrennbar miteinander verknüpft. Wir streiten für das gute Leben für alle jenseits von Unterdrückung und Ausbeutung.

There is no alternative!

Wir lassen uns nicht erzählen, dass es so bleiben soll wie es ist. Der Kapitalismus ist nicht das Ende der Geschichte, sondern sein Ende ist der Anfang einer anderen Welt. Ohne den radikalen Wandel der Klimapolitik und der Abkehr vom Kapitalismus werden wir die Zerstörung unserer Zukunft nicht aufhalten. Es braucht einen grundsätzlichen Wandel des Wirtschaftssystems und der Gesellschaft. Wir werden vieles grundlegend verändern müssen: Wie wir produzieren, wie wir konsumieren und wie wir Entscheidungsprozesse organisieren.

“Das Radikalste, was wir selbst für Klimagerechtigkeit tun können, ist die politische Organisierung.”

Wir müssen diesen Systemwandel selbst durchsetzen - kreativ, solidarisch, aktivistisch und widerständig. Unsere Mittel sind vielfältig. Mit Zivilem Ungehorsam brechen wir bewusst die Regeln eines Spiels, das ungerecht ist und in dem wir stets verlieren.

Wir verstehen uns dabei als Teil der globalen Klimagerechtigkeitsbewegung. Als lokales Aktionsbündnis in Stuttgart leisten wir als gruppen- und spektrenübergreifender Zusammenschluss unseren Beitrag. Wir stellen nicht nur Probleme fest oder appellieren an die herrschende Politik, sondern nehmen unsere Zukunft selbst in die Hand und streiten für die radikalen Veränderung der Wirtschaft und Gesellschaft.

Als Teil verschiedener emanzipatorischer Bewegungen schließen wir Faschist*innen, sogenannte neue Rechte und sonstige selbsterklärte Heimatschützer*innen von unseren Aktionen aus. Spaltungsversuche gegenüber der Klimagerechtigkeitsbewegung durch reaktionäre Kräfte weisen wir entschieden zurück.

Wir sehen uns auf der Straße! Oder im Plenum…

Stuttgart, Februar 2020 Aktionsbündnis Kesselbambule